Heu aus Zeuterner Streifenmahd – für Arten-, Klima- und Bodenschutz!

So sieht Streifenmahd aus – Versteck- und Blühstreifen bleiben erhalten

Auf der Wiese an der Grundschule Zeutern summt, flattert und raschelt es: Bienen, Schmetterlinge und Heuschrecken tummeln sich über und zwischen Halmen und Blüten, am Boden huscht die ein oder andere Eidechse davon - und das alles, obwohl die Fläche vor wenigen Tagen erst gemäht wurde. „Wäre der Schlepper mit dem Mulchwerk drüber gefahren, wären jetzt alle Pflanzenstängel kleingehäckselt –inklusive zahlreicher Wiesenbewohner“ stellt Dr. Siegbert Merkle, gebürtiger Zeuterner und promovierter Biologe fest.

Die Wiese hat es ihm angetan: „3 Orchideen-Arten haben wir hier im Frühjahr kartiert – an welcher Schule gibt es das sonst?“ ‚Wir‘, das sind Dr. Merkle, seine Tochter Mona, ebenfalls Biologin, und deren Freund Jannik, angehender Umweltwissenschaftler. Zusammen sind sie Merkle & Partner und verfolgen ein großes und praktisches Ziel, nämlich die Mulchmahd in den Kommunen durch ökologische Mähkonzepte abzulösen. Wie das gehen kann, machen sie selbst vor: Die Flächen werden mit Balkenmäher und Freischneider gemäht. „Vor diesen Mähwerken können die meisten Tiere gut flüchten weil der Fluchtweg nach drei Seiten offen ist, und über die Kleintiere am Boden mäht man bei einer Schnitthöhe von ca. 10 cm einfach hinweg, ohne sie zu verletzen“ erläutert Jannik. Mona lenkt den Balkenmäher über die Wiese und spart dabei jeweils ca. 1,5 – 2 m breite Streifen aus, so dass sich am Ende gemähte Bereiche mit blühenden Streifen und Altgrasbeständen abwechseln. So bleiben genügend Blüten als Bienenweide und Samenstände als begehrte Nahrungsquelle für Distelfink & Co. sowie zur Selbstaussaat der Wildkräuter erhalten. Im Spätjahr, wenn einige Wiesenpflanzen wieder nachgewachsen sein werden, wird ein Teil der im Sommer verschonten Streifen abgemäht und ein Teil der Flächen wird über Winter ungemäht als Kinderstube für Insektenbrut stehenbleiben. Weil bei jeder Mahd mindestens 20% der Fläche verschont werden, gibt es auf einer solchen Streifenmahd-Wiese ganzjährig Versteckmöglichkeiten für Kleintiere und Deckung für Niederwild. Bei jedem Mähgang wird das Mähgut von der Fläche abgeräumt. Das Trio um Merkle hat für diesen Zweck eine handgeführte, mit einem Einachser angetriebene Ballenpresse angeschafft, mit der kompakte Heuballen produziert werden.
Das Mähkonzept geht auf Untersuchungen und Erkenntnisse der ‚Initiative Bunte Wiese‘ an der Universität Tübingen zum Artenschutz zurück, bei der Mona Merkle während des Studiums mitarbeitete. In den letzten zwei Jahren wurde es von Merkle & Partner um weitere Umweltaspekte ergänzt und bei verschiedenen Flächentypen auf Praxistauglichkeit bzw. betriebswirtschaftliche Umsetzbarkeit geprüft.
„Wir begegnen mit diesem Konzept drei großen ökologischen Problemen unserer Zeit,“ resümiert Dr. Siegbert Merkle, „nämlich dem Artensterben, der weltweiten Klimaerwärmung und der Belastung unserer Böden und Gewässer durch Stickstoffanreicherung.“ Dadurch, dass das Mähgut von der Fläche abgeräumt wird, werden die darin gespeicherten Nährstoffe nicht wie beim Mulchen an Ort und Stelle mineralisiert und dem Boden wieder zugeführt. Die Fläche wird durch die Entnahme des Aufwuchses abgemagert, wodurch Blühpflanzen und damit eine vielfältige Flora und Fauna begünstigt werden. An anderer Stelle kann das Mähgut gezielt und sinnvoll eingesetzt werden: Klassisch als Viehfutter oder Einstreu, aber auch als Mulchmaterial zum Erosionsschutz in steilen Weinbergslagen, als Rohstoff für die Kompostierung oder zur energetischen Verwertung in einer Biogasanlage.
Als Zeuterner Urgestein hatte Siegbert Merkle mehrere Projektflächen in seiner alten Heimat ausgesucht, aus denen sich die Wiese an der Grundschule Zeutern bald als Vorzeigefläche herauskristallisierte. Auf diese Wiese lud Merkle nun Bürgermeister Tony Löffler ein, bot ihm einen Sitzplatz auf einem frisch gepressten Heuballen an und stellte ihm die Konzeptidee vor. Und der Rathauschef - als ehemaliger Leiter des Amtes für Umwelt und Ordnung in Ubstadt-Weiher mit dem Thema Landschaftspflege bestens vertraut - ist schnell überzeugt und denkt gleich noch einen Schritt weiter: „Das Konzept passt zu den aktuellen Bemühungen des Landes, den landesweiten Biotopverbund zusammen mit den Kommunen voranzubringen.“ Eine Biotopverbundplanung war in Ubstadt-Weiher bereits im Zuge der Flurbereinigungsverfahren in den 80er und 90er Jahren umgesetzt worden. Mit untrüglicher Vorfreude hofft Löffler nun: „Mit diesem Pflegekonzept in Verbindung mit den Hilfestellungen des Landes könnten die Biotopflächen weiter aufgewertet, der gesamte Biotopverbund funktional optimiert und ganz nebenbei noch ein Beitrag zum Klima- und Bodenschutz geleistet werden!“