Aufsatz von Dr. Waldis Greiselis zum 250. Geburtstag von Johann Michael Geither

Napoleons treuester General stammte aus Ubstadt

Am 18. Juni 1815 hatte Napoleon die Entscheidungsschlacht bei Belle Alliance-Waterloo verloren und endgültig abdanken müssen. Um nicht noch einmal in Europa Unruhe zu stiften, wurde er auf die ferne Atlantikinsel St. Helena verbannt. Alle seine Unterfeldherren verließen den glücklosen Imperator, zogen sich ins Privatleben zurück oder arrangierten sich mit den neuen Machthabern des bourbonischen Frankreich. Wirklich alle?

Nein – es gab eine Ausnahme: In der Festung Landau – schon seit 1679 mit französischer Garnison – führte ein Offizier das Kommando, der in fast mittelalterlicher Vasallentreue weiter zu seinem Kaiser hielt. Noch Monate nach Napoleons Abdankung weigerte er sich hartnäckig, ohne Befehl seines Kaisers die Festungstore den Verbündeten oder den Abgesandten des Bourbonenkönigs Ludwigs XVIII. zu öffnen. Sein Name: Brigadegeneral Johann Michael (oder französisch: Jean-Michel) Geither, 46 Jahre alt. Wer war dieser Mann, dem so offensichtlich die Tugend des Opportunismus fehlte und der deshalb natürlich auch nicht zum Vorbild für unsere Zeit geeignet ist.
Das Kirchenbuch von St. Andreas zu Ubstadt vermeldet, dass am 10. November 1769 – im gleichen Jahr wie Napoleon Bonaparte – Johann Michael Geither als Sohn des Küfers und Winzers Johannes und seiner Ehefrau Maria Klara, geb. Schädler aus Maikammer, geboren und am gleichen Tag getauft wurde. Eine spätere Hand fügte hinzu: „+ als General“ – und das bezeugt, dass in der Geburtsheimat die Kunde vom weiteren Lebensweg Johann Michaels bekannt wurde: Ein General aus dem beschaulichen Dorf an der Kraichbach war so außergewöhnlich, wie ein seltenes Naturereignis. Mit seiner Geburt wurde Johann Michael leibeigener Untertan des Hochstifts Speyer, das seit Jahrhunderten in Ubstadt die Territorialherrschaft ausübte.

Im November 1774 erfolgte dann ein Ereignis, das für die Zukunft der Geithers eine entscheidende Weichenstellung bedeutete: Vater Johannes stellte für die Familie den Antrag, aus der Leibeigenschaft entlassen zu werden, um nach Ungarn auszuwandern – ein damals im Südwesten des Reiches durchaus verbreitetes Phänomen, denn in jenem Jahr stellten 35 weitere Ubstadter Untertanen den gleichen Antrag. Obwohl er die Genehmigung erhielt, zog Johannes Geither den Antrag bereits im Januar 1775 aus unbekannten Gründen zurück. Nach damaligem Brauch durfte die Familie aber nicht mehr am bisherigen Wohnsitz bleiben – sie hatte sich mit dem Auswanderungsantrag von der Dorfgemeinschaft losgesagt. Wenige Monate später zogen die Geithers nach Maikammer in der Pfalz, dem Heimatort der Mutter, ebenfalls zum Fürstbistum Speyer gehörend.
Dort verbrachte Johann Michael den zweiten Teil seiner Kindheit und die frühe Jugendzeit. Er besuchte die Dorfschule – im Hochstift Speyer galt für alle Kinder bis zum 12. Lebensjahr Schulpflicht – und arbeitete im Landwirtschaftsbetrieb seines Vaters mit. Nach einem Jungenstreich – die Überlieferung variiert: Obstdiebstahl oder Tinte im Weihwasserbecken – rissen der zwei Jahre ältere Bruder Martin und der noch nicht 15-jährige Johann Michael aus dem Elternhaus aus und meldeten sich am 14. Juni 1784 in der 12 km entfernten Festung Landau beim Schweizer Regiment „von Reinach“ und wurden damit Soldaten des französischen Königs. Vermutlich wurden beide zunächst als Trommelbuben oder Offiziersburschen eingesetzt, doch wohl bald in die militärische Ausbildung einbezogen. Aus eigener Initiative hat Johann Michael, der in der Dorfschule Maikammer sicher keinen Fremdsprachenunterricht erhalten hatte, in den ersten Dienstjahren die französische Sprache erlernt, die er später in Wort und Schrift überzeugend beherrschte. Offensichtlich entsprach das Soldatsein seinem Naturell, denn er nutzte die Chancen zu einem bescheidenen Aufstieg: Im Sommer 1786 wurde er zum Korporal und Anfang 1788 bereits zum Sergeant befördert.
Das Epochenjahr 1789 erlebte der junge Unteroffizier im Zentrum des Geschehens: Sein Regiment wurde nach Paris verlegt, um gemeinsam mit anderen als zuverlässig eingeschätzten Truppenteilen in der gärenden Atmosphäre der Hauptstadt die alte Ordnung zu stabilisieren. Vergebens – die revolutionären Umwälzungen waren nicht mehr aufzuhalten. Nach Abschaffung der Monarchie im September 1792 wurden die Söldnerregimenter aufgelöst. Johann Michael stand vor der Alternative: Rückkehr in die Unfreiheit und Enge der alten Heimat, denn im speyerischen Territorium galt noch bis 1798 die Leibeigenschaft, oder in Hoffnung auf die Zukunft und im Vertrauen auf den eigenen Leistungswillen die Chancen in einer neuen Ordnung zu suchen. Michael Geither entschloss sich, im künftigen Heer der sich formierenden französischen Republik seine Aufgabe zu finden.
           

Bereits am 2. Oktober 1792 trat er im bisherigen Dienstgrad in das 1. Freiwilligenbataillon ein. Schon einen Monat später wurde er zum Adjutantunteroffizier, dem höchsten Unteroffizierdienstgrad befördert. Mit seinem Verband kämpfte er im 1. Koalitionskrieg (1792 – 1797) zunächst im Gebiet des heutigen Belgien und der Niederlande und wurde in der Schlacht bei Jemappes durch zwei Kugeln im rechten Arm und im linken Oberschenkel verwundet.
Ohne Adelsprädikat, ohne Protektion durch irgendwelche Gönner, sondern ausschließlich dank persönlicher Tapferkeit und gezeigter Führungsqualität begann nun die weitere militärische Karriere des jungen Geither. Er besaß Können, Ehrgeiz und Führungswillen und erlebte, dass seine Leistung anerkannt wurde und Aufstieg ermöglichte, niemand fragte ihn nach seiner Herkunft – es zählte nicht die Vergangenheit, sondern nur die Gegenwart. Am 8. August 1793 wurde er zum Unterleutnant und am 11. Mai 1795 zum Leutnant befördert, bereits am 5. Oktober des folgenden Jahres zum Hauptmann.
Mit dem Wechsel zum oberitalienischen Kriegsschauplatz 1797 kreuzte die Lebensbahn Geithers jene des jungen Generals Napoleon Bonaparte. Der Befehlshaber wurde auf den Chef der Carabinierskompanie des 2. leichten Reiterregiments, der sich bei zwei Gefechten im Frühjahr jenes Jahres ausgezeichnet hatte, aufmerksam.
Mit dem Ende des 1. Koalitionskrieges durch den Frieden von Campo Formio im Oktober 1797 erfolgte für Geithers zweite Heimat Maikammer eine wichtige territorialpolitische Veränderung: Das linke Rheinufer fiel an die französische Republik, Maikammer lag nun im Departement Mont Tonnerre (Donnersberg), Die Einwohner – und damit auch seine Angehörigen – wurden französische Bürger.
Wenige Monate später folgte Geither Napoleon auf einen neuen, fernen Kriegsschauplatz: Das Direktorium der Republik in Paris beauftragte seinen Feldherrn mit der Führung des Krieges gegen England, doch da dieser eine Invasion der britischen Insel für aussichtslos hielt, entschloss er sich zu einer indirekten Strategie – die britischen Positionen im Mittelmeerraum anzugreifen: Ab 1. Juli 1798 landeten rund 40 000 französische Soldaten in Alexandria, eroberten Ägypten und drangen bis Syrien vor. Geither war von Anfang an dabei und zeichnete sich wieder in den Kämpfen aus. Am 2. September 1799 ernannte ihn Napoleon persönlich zum Bataillonskommandeur. Trotz zweifacher Verwundung entschied er an der Spitze seiner Truppe am 1. November 1799 die Schlacht bei Bogaz de Lesbey und wurde für die herausragende Tapferkeit mit Verleihung eines Ehrensäbels geehrt. (Dieser Säbel befindet sich im Besitz eines Militariasammlers in der Pfalz, der ihn zusammen mit anderen Gegenständen aus dem Nachlass Geithers erwarb, als Mitte des 20. Jahrhunderts die Gemeinde Geinsheim „ihr Tafelsilber verscherbelte“.)
Zu Beginn des neuen Jahrhunderts aus Ägypten zurückgekehrt, führte Geither an der Kanalküste zunächst ein Grenadierbataillon. Am 22. Januar 1804 wurde er zum Major befördert, mit dem Kreuz der Ehrenlegion ausgezeichnet und zum Kommandeur des 15. leichten Infanterieregiments ernannt. Sein Truppenteil sollte zum großen Invasionsheer für den Angriff auf die britische Insel gehören. Doch Napoleon – seit 2. Dezember 1804 Kaiser der Franzosen – musste nach der verlorenen Seeschlacht von Trafalgar alle diesbezüglichen Planungen und Vorbereitungen aufgeben.
Ab Sommer 1805 rief der 3. Koalitionskrieg Geither wieder auf das Schlachtfeld. Er marschierte mit seinem Verband durch Süddeutschland nach Wien, um dann nach einem Gewaltmarsch von 100 km am 2. Dezember sofort in die Drei-Kaiser-Schlacht von Austerlitz geworfen zu werden. Im Schwerpunkt des Kampfes, im Ringen um das Dorf Sokolnitz, zeichnete sich Geithers Regiment durch herausragende Tapferkeit aus, der Kommandeur wurde zweimal verwundet.
Der glänzende Sieg Napoleons führte zu einer radikalen „Flurbereinigung“ der politischen Landkarte des deutschen Raumes. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation – schon seit vielen Jahrzehnten politisch nur noch der Beweis, dass es ein Leben nach dem Tode gibt – wurde aufgelöst. 16 deutsche Fürsten schlossen sich zum Rheinbund unter dem Protektorat Napoleons zusammen, und der französische Kaiser schuf einen neuen deutschen Staat, der Modellcharakter für die übrigen haben sollte – das Großherzogtum Berg mit Düsseldorf als Hauptstadt. Zum Herrscher dieses Staates ernannte Napoleon seinen Schwager Marschall Joachim Murat. Der neue Staat benötigte selbstverständlich eine Armee, um gemeinsam mit den anderen Rheinbundfürsten dem Empereur die zugesagten 63 000 Soldaten zu stellen, später wurden es mit weiterer Ausdehnung der Kriegsschauplätze viel mehr.
Unter Beförderung zum Oberst übertrug Napoleon am 21. Juli 1806 Michael Geither die Aufgabe, die Infanterie des neuen Großherzogtums aufzustellen und zu führen – ein Beweis des hohen Vertrauens, das der Kaiser in die Organisations- und Führungsqualitäten seines bewährten Offiziers setzte.
Aus ursprünglich einem Regiment mit rund 3200 Mann wurden es – bedingt durch den stetig wachsenden Soldatenbedarf Napoleons – bis Herbst 1808 drei Regimenter und Geither zum 1. November dieses Jahres Brigadier (Dienstgrad zwischen Oberst und Brigadegeneral). Nach einem kurzen Intermezzo als Besatzungstruppe auf der Insel Rügen im Gefolge des preußisch-französischen Krieges 1806/07 wurden die bergischen Infanterieregimenter unter dem Kommando Geithers ab 1808 zur Verstärkung der französischen Truppen in Spanien eingesetzt. In zahlreichen Gefechten und Belagerungen erlitten sie hohe Verluste, auch ihr Befehlshaber wurde mehrfach verwundet. In diesem Feldzug erlebten und erlitten Geither und seine Soldaten eine neue Form des Krieges, den hinterhältig-grausamen Guerillakampf, in dem die Furie des leidenschaftlich-hasserfüllten Kampfwillens von Völkern sich austobte.
Im Dezember 1810 rief Napoleons Befehl Geither und die Masse seiner bergischen Truppen zurück an den Rhein, um die dezimierten Reihen wieder aufzufüllen und ein viertes Infanterieregiment aufzustellen. Für den am 22. Juni 1811 zum Brigadegeneral beförderten Geither war es ein besonders stolzer Tag, als er am 4. November 1811 auf dem Marsfeld in Düsseldorf die Infanterie des Großherzogtums zur Parade vor Napoleon führte.
An der Spitze der bergischen Infanterie, die gemeinsam mit badischen Truppen eine Division bildete, zog Geither Ende Juni 1812 in den Feldzug gegen das Zarenreich. Als Reserve und rechte Flankensicherung standen diese Truppen während des Vormarsches auf Moskau nicht im Zentrum der Kämpfe, doch ab Mitte Oktober erhielten sie den Auftrag, den Rückzug der dezimierten und demoralisierten „Großen Armee“ zu decken. Smolensk, obere Düna, Losnitza, Witebsk waren Stationen auf dem Weg zum Schicksalsfluss Beresina. Am 28. November 1812 standen die bergischen Soldaten mit den übrigen Verbänden des IX. Korps in Höhenstellungen bei Studinka, um den Übergang der Reste der „Grande Armee“ über den Fluss zu sichern. In einer fünfstündigen erbitterten Schlacht wurden die angreifenden russischen Truppen zurückgeworfen, doch in dem grausamen Gemetzel wurden die bergischen Verbände weitgehend zerschlagen und die Reste – nach Ausfall ihres Kommandeurs – der badischen Brigade zugeteilt. General Geither wurde beim Kampf um die Brücke schwer verwundet: Nachdem eine Kugel sein rechtes Handgelenk zerschmettert hatte, musste ihm der Unterarm amputiert werden – dass er diese Operation unter den herrschenden Witterungsverhältnissen und bei dem damaligen Stand der medizinischen Versorgung überlebte, zeigt seine hervorragende physische Konstitution.
Auf welche Weise Geither im letzten Akt des russischen Dramas sich nach Westen durchgeschlagen hat, ist nicht überliefert. Er ist auf jeden Fall 1813 wieder im Großherzogtum Berg und tut dasselbe, was der französische Kaiser in seinem gesamten Herrschaftsbereich tut: neue Truppen aufstellen, um den zu erwartenden Gegenangriff der sich formierenden und stetig verstärkenden Anti-Napoleon-Koalition abzuwehren. Ob bergische Infanterie im Oktober 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig mitgekämpft hat, wissen wir nicht, das bergische Kavallerieregiment wurde dort vollständig aufgerieben. Geither zog sich Ende 1813 mit den restlichen französischen Truppen über den Rhein zurück, wurde im Januar 1814 Kommandeur einer Brigade in Straßburg und verteidigte mit ihr die elsässische Metropole bis zum ersten Pariser Frieden am 30. Mai 1814. Am 1. September 1814 trat er gleich vielen anderen höheren Offizieren der napoleonischen Armee in den einstweiligen Ruhestand. Das Großherzogtum Berg war bereits im April 1814 Preußen eingegliedert worden. Der neue französische König Ludwig XVIII. aus dem Hause Bourbon verlieh Geither noch das Ritterkreuz des St. Ludwig-Ordens.
Es scheint, als ob Michael Geither an seinem Wohnsitz Straßburg auf die Rückkehr seines Kaisers gehofft und gewartet hätte. Als Napoleon am 1. März 1815 von der Insel Elba kommend in Südfrankreich landete und im Triumph Richtung Paris zog, eilte Geither sofort zu dessen Truppen. Bereits am 22. März erhielt er das Kommando über die Zitadelle von Straßburg. Am 24. Mai übertrug ihm der Befehlshaber der Rheinarmee im Auftrag des Kaisers den Befehl über die strategisch wichtige Festung Landau.

Ein militärischer Lebenskreis schloss sich: Dort, wo der noch nicht 15-jährige erstmals den Soldatenrock des französischen Königs angezogen hatte, stand nun 31 Jahre später der in vielen Schlachten bewährte General in der Uniform des französischen Kaisers, um das in ihn gesetzte besondere Vertrauen Napoleons zu rechtfertigen. Er erfüllte seinen Auftrag: Aus einer bunt zusammengewürfelten Schar von Soldaten verschiedener Truppenteile formte er eine kampfstarke Festungsbesatzung, die seit Mitte Juni 1815 der Belagerung durch preußische und württembergische Verbände erfolgreich trotzte. In unerschütterlicher Gefolgschaftstreue zu Napoleon unterdrückte Geither mit harter Hand jede royalistische Regung und ließ verlauten, nur auf ausdrücklichen Befehl seines Kaisers würde er sich dem bourbonischen König unterstellen. Nach heftigen Beschwerden von Landauer Bürgern und fruchtlosen Mahnungen seines Vorgesetzten, General Rapp, enthob schließlich der Kriegsminister in Paris Geither am 30. August 1815 seines Kommandos. In einem letzten Tagesbefehl vom 14. September 1815 dankte er den Soldaten und den zivilen Amtsträgern für ihre Pflichttreue und verabschiedete sich mit dem bourbonischen Dienstgrad „marechal de camp“, der dem napoleonischen Brigadegeneral entsprach. Von allen französischen Festungen und Garnisonen hatte Landau unter dem Kommando Geithers Napoleon am längsten die Treue gehalten.
Die Dienstgradbezeichnung „marechal de camp“ hat später immer wieder zu falschen Übersetzungen ins Deutsche geführt: Geither war kein Feldmarschall, wie es in manchen heimatkundlichen Veröffentlichungen heißt, sondern Brigadegeneral.
Nach 1815 lebte Geither abwechselnd in Straßburg oder in Geinsheim (heute Ortsteil von Neustadt/Weinstraße), wo er ein Anwesen (im Volksmund „le chateau“ genannt) erwarb, zu dem ein Wohnhaus, Ackerland, Wiesen und ein Weinberg gehörten. Allerdings musste er bis 1830 einen aufwändigen Papierkrieg führen, bis ihm die Pension eines Brigadegenerals bewilligt wurde, denn die französischen Behörden argumentierten, er habe diesen Dienstgrad nicht als französischer, sondern als großherzoglich bergischer Offizier erreicht.
1819 tat Geither einen Schritt, zu dem er vorher wegen fast ununterbrochener Kriegseinsätze keine Zeit gefunden hatte – er heiratete seine erst 18-jährige Nichte Eva Elisabeth Geither. Aus der Ehe entstammten drei Kinder.
Noch einmal zog Geither 1830 die Uniform an: In der Julirevolution berief ihn die Stadt Straßburg zum Kommandanten der Nationalgarde, mit der er die öffentliche Ordnung aufrechterhielt und Ausschreitungen verhinderte. Nach Ende dieses Kommandos blieb er noch über ein Jahr der Reserve des Generalstabs zugeteilt, bis er am 11. Juni 1832 definitiv in den Ruhestand versetzt wurde.
Sein älterer Bruder Martin (1767 – 1849), mit dem er gemeinsam 1784 Soldat geworden war, brachte es zum Hauptmann der Feldgendarmerie und lebte nach den napoleonischen Kriegen ebenfalls in Geinsheim.
Johann Michael Geither starb am 28. September 1834 in Geinsheim und wurde auf dem dortigen Friedhof beigesetzt. Auf der Vorderseite des Grabsteins stehen die Worte, die sein Lebensmotto waren: „Ehre und Treue“. Unterhalb von Lorbeerkranz und Schwert, den Emblemen der französischen Ehrenlegion, lesen wir: „Hier ruhet Michael Geither - französischer Brigadegeneral – gest. MDCCCXXXIV“. Die Rückseite verkündet uns: „Dem edlen Toten setzen diesen Stein die Witwe und beide Neffen, denen er im Leben Vater war“. Solange Landau bis in die 90er Jahre eine französische Garnison beherbergte, legte eine Offiziersabordnung am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, am Grabstein einen Kranz nieder.
Die umseitige Inschrift erwähnt zwei Neffen, ohne ihre Namen zu nennen: Es handelt sich um Valentin (1791 – 1869) und Jakob Hartmann (1795 – 1873), Söhne der Schwester Geithers, Barbara, die mit dem Maikammerer Winzer und Hufschmied Georg Hartmann verheiratet war. Dieser starb noch vor der Geburt Jakobs 1795. Michael Geither nahm sich, soweit es die Kriegsereignisse zuließen, der Erziehung und Ausbildung der beiden Halbwaisen an. Beide Hartmannbrüder traten 1806 als Kadetten in das 1. großherzoglich bergische Infanterieregiment ein, absolvierten dann die französische Offiziersausbildung und wurden 1810 bzw. 1811 Leutnante, wobei Valentin 1812 am Russlandfeldzug teilnahm. Mit dem Ende des Großherzogtums wechselten beide in die französische Armee. Sie verblieben nach der ersten Abdankung Napoleons in den bourbonischen Streitkräften, um dann ab März 1815 wieder den Adlern Napoleons zu folgen: Valentin als Hauptmann in der Rheinarmee, Jakob als Leutnant bei der Hauptmacht, mit der er bei Waterloo mitkämpfte. Nach der zweiten Abdankung Napoleons schieden beide aus der französischen Armee aus und kehrten in ihre pfälzische Heimat, deren politische Zukunft ungewiss war, zurück.
In dieser Situation war es wieder Michael Geither, der ihren weiteren Lebensweg ebnen half. Nachdem die Pfalz zum 1. Mai 1816 bayerisch geworden war, stellte Geither seine Neffen am 22. Juni dem bayerischen König , den er persönlich kannte, in Landau mit den Worten, „Da bringe ich meine Buben“, vor. König Maximilian Josef I. ließ die „Buben“ von seinem Feldmarschall Fürst Wrede examinieren, der ihre Übernahme in die bayerische Armee empfahl, denn sie wären eine gute „Akquisition“. Die weitere militärische Laufbahn der Hartmannbrüder bestätigte die Einschätzung Wredes. Valentin wurde Generalmajor und zuletzt Kommandeur der 1. Infanteriebrigade in München, Jakob wurde General der Infanterie, war zuletzt Kommandierender General des II. bayerischen Armeekorps und wurde wegen seiner hervorragenden Leistungen als Truppenführer im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 in den erblichen Freiherrenstand erhoben. Sein bronzenes Standbild ziert noch heute die Ortsmitte von Maikammer.
Die Lebensläufe Johann Michael Geithers und der Brüder Valentin und Jakob Hartmann zeigen beispielhaft in überzeugender Weise die fundamentalen gesellschaftlichen Veränderungen im Gefolge der Großen Französischen Revolution: Aus bescheidenen dörflichen Verhältnissen stammend stiegen sie durch Leistung in Generalsränge auf, die zuvor ausschließlich Angehörigen des Adels vorbehalten waren.
An Johann Michael Geither erinnert in Ubstadt eine sehr gut gestaltete Info-Tafel am Platz seines nicht mehr erhaltenen Geburtshauses und der Name des einheimischen Rieslings.