Im Weiherer Forst werden mit Bäumen aus Afrika, aus Nordamerika und dem nahen Osten, mögliche Antworten auf den Klimawandel und für den Wald von Morgen gesucht

Möglicherweise ist es Ihnen in der eintönigen Tristesse des Corona-Frühjahres 2021 entgangen, doch am gestrigen Sonntag wurde zum 50. Mal der “Internationale Tag des Waldes” begangen. Selten zuvor kam diesem Tag derart viel Bedeutung zu, denn dem deutschen Wald geht es mitunter hundsmiserabel. Vier von fünf Bäumen leiden an Krankheiten, Schädlingsbefall, Trockenstress und Co. – gerade einmal jeder fünfte Baum erfreut sich noch bester Gesundheit, so titelte es gestern ernüchternd die Online-Ausgabe der Tagesschau.

Neben den teilweise völlig unverhältnismäßigen Eingriffen der Menschen, setzt insbesondere auch der Klimawandel der grünen Lunge unseres Planeten zu. Laut dem Global Forest Resources Assessment GFRA, verschwinden jedes Jahr 4,7 Millionen Hektar Waldfläche vom Antlitz unseres Planeten. Ein einziger Hektar umfasst übrigens eine Grundfläche von 10.000 Quadratmetern. Es verschwinden also einfach so 47.000 Quadratkilometer – zum Vergleich: Baden-Württemberg hat lediglich eine Grundfläche von 35.000 Quadratkilometern.

Zwar gilt in Deutschland bei der Waldbewirtschaftung der gesetzlich verordnete Grundsatz der Nachhaltigkeit – es darf nicht mehr Holz entnommen werden, als nachwachsen kann, doch die massiven Einschläge, die in unseren Wäldern beobachtet werden können, dienen leider einem anderen Zweck. Hier geht es vielmehr darum schwerkranke und abgestorbene Bäume zu entfernen, denn die Absterberate ist in den beiden vergangenen Jahren förmlich explodiert. Dürren, Stürme, Parasiten, Schädlinge, viel zu heiße Sommer und der Klimawandel haben in unseren Wäldern reichlich Tribut gefordert.
Man muss der veränderten Wirklichkeit daher tapfer ins Auge sehen: Unsere heimischen Wälder sind in vielen Lagen den Zeichen der Zeit nicht mehr gewachsen und benötigen unsere Hilfe. Um den Wald fit für die veränderten klimatischen Bedingungen und längere Dürreperioden aufzustellen, muss er vielerorts “umgebaut” werden. Flachwurzler wie Fichten werden sich langfristig nicht flächendeckend behaupten können, Tiefwurzler wie die Eiche hingegen haben eher Chancen an tiefere Wasserschichten zu gelangen und der veränderten Realität die hölzerne Stirn zu bieten.


Um den Wald widerstandsfähiger zu machen, laufen derzeit zahlreiche Projekte, die mögliche, förderliche Einflüsse ausländischer Bäume untersuchen. Solche Testflächen finden sich beispielsweise am Rande des Forstes in Ubstadt-Weiher, nahe der Kronauer Allee inmitten eines ausgedehnten Waldstückes. Unter der Aufsicht der Forstlichen Versuchs und Forschungsanstalt Freiburg und betreut durch den erfahrenen Förster Ralf Kemmet, wird hier im Staatswald ein regelrechtes Wald-Labor eingerichtet. In mehreren Abschnitten pflanzen Forstarbeiter derzeit Atlas-Zedern aus Afrika, Douglasien aus Oregon, Libanon-Zedern aus dem nahen Osten und Elsbeeren aus Mitteleuropa. Geschützt werden die kleinen Bäume lediglich durch einen umgebenden Wildzaun, eine künstliche Bewässerung ist nicht vorgesehen. Schließlich geht es darum herauszufinden, wie diese Baumarten mit unseren Böden und unseren klimatischen Bedingungen zurechtkommen. Sollten sich diese Baumarten in unseren Breitengraden gut etablieren und entfalten, könnten sie Teil eines langwierigen und sich über viele Jahrzehnte erstreckenden Waldumbaus werden. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht, das weiß Förster Ralf Kemmet genau. Vorangegangene Versuche mit der Küstentanne erwiesen sich so leider als Fehlschlag – die Bäume starben ab.

Ein paar hundert Meter weiter, findet sich eine andere “Wald-Baustelle”. Als Ausgleichsfläche für die Erweiterung einer Kiesgrube in Karlsdorf-Neuthard, soll hier Ackerland, das früher schon einmal Waldfläche war, wieder zu einer solchen werden. Seit 2016 werden hier in mehreren Abschnitten in großer Menge und Vielfalt junge Bäume gepflanzt. Ralf Kemmet zeigt stolz auf seine kleinen Schützlinge. Da finden sich Eichen, Hainbuchen, Vogelbeeren und wilde Obstbäume. Geschützt werden die jungen Bäume eine Zeitlang von umgebenden Zäunen aber auch von heimischen Raubvögeln, wie beispielsweise dem Bussard oder dem Rotrückenwürger. Auf eigens für sie aufgestellten Julen wachen sie über die jungen Bäume und dezimieren für die Wurzeln schädliche Nager im Sturzflug – ganz ökologisch, ganz ohne Gift und Chemie. Um den Hardtwald hier in der oberen Lußhardt zu unterstützen und vor allem in den heißen Sommermonaten nicht im Stich zu lassen, wird hier bald eigens dafür ein Brunnen geschlagen. Aus etwa 15 Metern Tiefe wird dann Wasser gefördert, das im Sommer mittels Beregnungswagen zur Bewässerung der Bäume eingesetzt werden kann.
Förster Ralf Kemmet, der nach 35 Jahren Dienst in verschiedenen Revieren bald ins Landratsamt Karlsruhe wechseln wird, ist stolz auf die Projekte, die er in seinem Wald mit angestoßen hat. Dass er das Erwachsenwerden seiner Bäume selbst nicht mehr miterleben wird, stimmt ihn aber keineswegs traurig. “Man erlebt als Förster schließlich die Arbeit, die vor fünf Generationen angestoßen wurde” erzählt er nachdrücklich und ergänzt: “Das ist ein schönes Gefühl”. Schön wäre es selbstredend auch, wenn die Saat von heute zu einem starken, widerstandsfähigen und gut für die Zukunft aufgestellten Wald von morgen führen könnte. Davon würde letztlich nicht nur der Wald selbst profitieren, sondern auch jeder einzelne von uns.