Hunger auf das “Wir” - Zeutern feiert Kerwe

Es traf ganz unvorbereitet, ohne Vorwarnung warm ins Herz. Das schöne Gefühl sich wieder nahe zu sein, Seite an Seite zu stehen, zu lachen, zu feiern, ungezwungen und frei. Das kleine Zeutern feiert und setzt bei seinen Gästen große Gefühle frei.

“Do hinne ischs Lewe für ein paar Stunne wieder normal” fasst Zeuterns Urgestein, Zugmarschall Wolfgang Stier zusammen, was fast alle zu fühlen und zu denken scheinen. Das letzte Mal trafen die Menschen aus Zeutern zum Dämmerungsumzug 2020 zusammen, seither steht das Leben in dem normalerweise so umtriebigen und fröhlichen Dörfchen still. Dass man sich heute endlich wieder einmal treffen, wieder einmal wie in alten Zeiten beinander sein kann, ist den Zeuterner Vereinen zu verdanken. Alle haben sie an einem Strang gezogen um die Kerwe unter den besonderen Umständen dieses Herbstes doch zu ermöglichen: Die Jugendfeuerwehr, der Musikverein, der Gesangsverein, der Hundesportverein, die Fußballer, das Umzugskomitee, die Fairplay-Fans, die Woischleich... Sie alle sind zusammengerückt um Zeutern eine Kerwe zu ermöglichen, die diesen Namen auch
verdient. Mit Glühwein, Grillsteaks, Kunsthandwerk, einem Karussell und jeder Menge guter Unterhaltung. Letztere gab es durch die schmetternde Gute-Laune-Musik der Weihermer Schneckenschleimer und dem fantastischen Big-Band-Sound der Dixie Kombi des Musikvereins Zeutern. Natürlich hat Zeutern das Aufbäumen der 4. Welle der Pandemie nicht ignoriert, wer könnte dies schon, angesichts der täglich auf uns einprasselnden Schlagzeilen. Stattdessen wurde gewissenhaft ein im Vorfeld beschlossenes Hygienekonzept umgesetzt. Wer auf die Kerwe wollte, musste geimpft, genesen oder getestet sein - am Eingang zum Oberdorfplatz gab es
eine entsprechende Kontrollstelle, wo gleich auch der Check-In per Zettel oder mit der Luca App möglich war. Hier war kein Murren, kein Stöhnen zu hören, für jeden war die kleine und unkomplizierte Formalität selbstverständlich und ein geringer Preis für das langersehnte Wiedersehen im Herzen des Weindorfes.

Als die Schneckenschleimer mit ihrem traditionellen Auftakt die Trompeten, Posaunen und Trommeln schmettern ließen, gab es kein Halten mehr. Überall losgelöste Gesichter, tanzende Menschen und befreites Lachen.  “Endlich kehrt das Leben ins Dorf zurück”, so ein fröhlicher und entspannter Bürgermeister Tony Löffler. Bis in den späten Abend hinein wurde in Zeutern gefeiert, nach Hause gehen wollte niemand wirklich. Vielleicht war es auch ein bisschen das Gefühl von Torschlusspanik, denn was der Winter mit sich bringen wird, weiß hier noch niemand zu sagen. Ob Zeutern im Feiermodus bleiben kann, werden die kommenden Wochen zeigen, auch ob der beliebte Dämmerungsumzug und die Faschingskampagne 2022 rollen darf, ist noch nicht in Stein gemeißelt. “Wir leben in der Hoffnung” fast Margit vom Umzugskomitee die Haltung aller Zeidermer Narren zusammen
und zitiert ihren Vater: “Die Hoffnung stirbt immer zuletzt”.

Wir hoffen mit den Menschen aus Zeutern und überhaupt allen, die sich im Hügelland nach mehr Gemeinschaft und wieder mehr Miteinander sehnen. Alles ist besser als das in der Pandemie entflammte Misstrauen und das Gegeneinander, ob man es nun mit zwei oder drei G’s schreibt. Dass dieser Missstand rückgängig zu machen ist, hat Zeutern an diesem Sonntag eindeutig bewiesen. So wundert es nicht dass von den vielen Gesprächsfetzen, die sich hier auf dem Oberdorfplatz aufschnappen lassen, der eindeutig schönste lautete:“Heit bin i glücklich”.